Das Ende der Schonzeit

Die Politik mischt sich wieder ein. Ob bei Fusionen, Übernahmen oder in Restrukturierungen – Unternehmen benötigen ein ausgeprägtes Verständnis für politische Prozesse und die Fähigkeit, schnell belastbare Netzwerke zu bilden. Finanzkommunikation wird politisch.

Autor: Hans Ulrich Helzer

Schaeffler und Continental, Porsche und Volkswagen, Opel und General Motors – das vergangene Jahr war nicht gerade arm an Geschichten, in denen Politiker jeglicher Couleur mehr oder minder unverhohlen Position bezogen und mitunter massiv ins Geschehen eingegriffen haben. Letzter Höhepunkt ist der Fall Schlecker. Weil ein Unternehmen beim Thema Leiharbeit besonders clever sein will, wird es frontal von der Arbeitsministerin angegangen, die sogar eine Gesetzesänderung prüfen lassen will. „Die Krise auf dem Finanzmarkt“, konstatiert der Bochumer Soziologieprofessor Rolf G. Heinze in seinem Buch „Rückkehr des Staates?“, „hat dem Staat nach einer Phase der Marktgläubigkeit – die fast schon an Hörigkeit grenzte – zu einem unverhofften Comeback verholfen.“

Gute Drähte in die Politik hinein waren noch nie schädlich. Inzwischen aber sind sie nahezu unerlässlich. Will in Deutschland ein Unternehmen ein anderes kaufen, einen Standort verkleinern oder schließen, sich von neuen Investoren Geld besorgen, ist gar eine Insolvenz zu bewältigen – ohne Politik geht nichts. Das gilt nicht nur für aufsehenerregende Übernahmeschlachten. Auch Projekte von lokaler oder bestenfalls regionaler Bedeutung werden inzwischen aufmerksam von den politischen Akteuren beäugt, bewertet und bisweilen offen boykottiert.
Größerer Radius, andere Argumentationsmuster

Für die Finanzkommunikation bedeutet das, ihren Aktionsradius auszuweiten. Lokal- und Landespolitik, verschiedene Stakeholder von Gewerkschaften bis zu den Amtskirchen, Verbraucherschutzorganisationen und NGOs – sie alle reden im Zweifelsfall mit und prägen die öffentliche Wahrnehmung. Man mag das als Unternehmen bedauern oder mühsam finden, ignorieren sollte man es besser nicht. Die Private-Equity-Branche musste – Stichwort Heuschrecke – schmerzhaft lernen, was es für Konsequenzen haben kann, wenn der eigene Auftritt von wichtigen gesellschaftlichen Gruppen als modernes Raubrittertum desavouiert wird. Das Mindeste, was geschieht, wenn man sich der Debatte entzieht, ist der Verlust der Deutungshoheit. Dann reden eben ausschließlich die anderen.

Auch die Argumentationsmuster sind in der politischen Arena andere als in der klassischen Finanzkommunikation. Wer Projekte mit Konfliktpotenzial realisieren will, muss sich darauf einlassen, dass Politiker, gewählte zumal, eine andere Agenda und eigene Prioritäten haben, die mitunter denjenigen des Unternehmens diametral entgegenstehen. Gerade in Deutschland sind Wirtschaft und Politik, anders als in der anglo-amerikanischen Welt, nach wie vor deutlich getrennte Sphären. Nur wenige Unternehmer halten es lange in der Politik aus, nur wenige Politiker kennen sich aus erster Hand in der unternehmerischen Wirklichkeit aus. Das erschwert den Brückenbau.

Aufgabe einer vorausschauenden Finanzkommunikation ist es daher heute, die politischen Stakeholder frühzeitig zu identifizieren und ihre Interessen beispielsweise bei Unternehmensverkäufen oder Standortschließungen zu antizipieren. Es gilt, anschlussfähige Argumentationsmuster zu entwickeln, die eben auch Aspekte des Gemeinwohls berücksichtigen und schlüssige Antworten auf die Fragen liefern, die öffentlich debattiert werden. Das kann regulatorische Fragen auf europäischer Ebene genauso umfassen wie lokalpolitische Themen oder innerbetriebliche Mitbestimmung – das Spektrum kann durchaus sehr breit sein, und die einzusetzenden Instrumente vielfältig. Finanzkommunikation ist damit um eine durchaus anspruchsvolle Facette erweitert worden. Dass sich dies auf lange Sicht ändern wird, steht nicht zu erwarten.

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